Es gibt nur wenige Konzerte, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich spreche von diesen Gigs, die einem noch lange in Erinnerung bleiben und für die man im ersten Moment nicht die richtigen Worte findet. Wenn man nach der Show mit Ohrensausen durch die Menge nach draußen in die Kälte drängt und nur schwer einen Gedanken fassen kann. Man ist satt, fühlt sich aufgekratzt. Das Konzert von Chance the Rapper gehört in jedem Fall in die Kategorie „eine der besten Liveshows, die je…“. Nicht nur, weil der Chicagoer irre gut performt, sondern weil er die Menschen für sich einnimmt, wie kaum ein anderer. Wenn du nach einem zweistündigen Konzert plötzlich glaubst, du solltest mal wieder einen Gottesdienst besuchen, weil die positiven Vibes den gesamten Raum durchströmt und dich unerwartet abgeholt haben, weißt du dass irgendwas passiert ist. Doch zurück zum Anfang.

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Die Show in Berlin wurde nach verzögertem Einlass von Samm Henshaw eröffnet. Der Brite war mir ein Begriff, doch ich kannte keinen seiner Songs wirklich. Zwei seiner Tracks sind mir im Gedächtnis geblieben. Zum einen „These Hands“ und zum anderen „Only Want To Be With You“. Nachdem Samm Henshaw mit dem gospeligen „Better“ die Bühne verließ, wurde es Zeit für Jay Prince. Der Londoner DJ Ralph Hardy hatte die Menge schon gut angefixt, als Jay Prince die Bühne betrat. Zum gospeligen, zum Teil sehr gefühlvollen Samm Henshaw eher ein Kontrastprogramm, um die Leute auf Chance einzustimmen. Nachdem „Promises“ die Stimmung schon gut gepusht hatte, tobte die Menge bei „Cruisin“ endlich. Bei „Polaroids“ bebte die Halle schließlich. Nachdem Jay Prince über die Bühne rockte, wurde es Zeit für den Umbau.

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Man konnte spüren, wie die Menge langsam ungeduldig wurde.  Gespannt, angespannt, das ein oder andere Mädel beinah fiebrig. Wann würde sich Chancellor Bennett endlich on Stage zeigen? Schöne Frauen um die 20, eingefleischte Hip Hop-Liebhaber, Künstler, Szenegänger und Musiker – die Halle war, was das Alter und die Interessengruppen angeht, extrem bunt gemischt. Chance konnte sich später den Kommentar „I’m surprised Germany has so many people with black descent. I had no clue.“ nicht verkneifen. Endlich war es so weit. Als die Security im Graben plötzlich gestresst und busy wirkte, wissen die Fans in Berlin sofort, was das bedeutet. Jubel zog sich von den vorderen Reihen bis hoch auf die Emporen, als der schmale Amerikaner mit seiner schwarzen Chance 3 Snapback die Bühne betrat. Der junge Rapper eröffnete seine Show mit „Angels“ und „Blessings“, um dann nach dem dritten oder vierten Song die Crowd in der Columbiahalle zu begrüßen. Perfekt inszeniert und von seinen eigenen Tracks ein wenig aus dem Konzept gebracht, stellte sich der Musiker ganz bescheiden vor. Unverschämt sympathisch.

Das Besondere an Chance the Rapper ist live nicht nur seine starke Performance, egal ob Rap oder Gesang, sondern seine Energie. Ich habe schon viele Künstler live gesehen, doch Chance the Rapper glüht, strotzt geradezu vor Positivität, die sich ohne Umwege auf jeden einzelnen im Publikum überträgt. Er tanzt in Bewunderung für MJ über die Bühne, als hätte er nie etwas anderes getan. Je länger er performt, desto größer wird er und desto kleiner erscheint die Stage. Man kann sich nicht gegen den Gedanken wehren, dass die Bühne größer, alles größer muss. Der Großteil des Konzerts verläuft im Call-and-Response, was typisch für die Auftritte von Chance the Rapper ist.

Talentiert, abgefüllt mit Freude an der Musik und am Leben. Das meiste der Setlist stammt vom Mixtape Coloring Book und die Crowd singt und rappt jede einzelne Line. Vom Slate Magazin als das erste wirkliche Gospel-Rap-Meisterstück des Hip Hop in den höchsten Tönen gelobt, dreht sich in seinen Songs viel um sein Leben und „growth“. Seine Message bringt die Menschen einander näher, als neue Identifikationsfigur revolutioniert er nebenbei den amerikanischen Hip Hop. Überrascht hat mich, dass das Konzert in Berlin nicht restlos ausverkauft war. Meistens brauchen wir in Deutschland ja ein bisschen. Wer Chance nicht kennt, sollte sich die Mixtapes #10Day, Acid Rap und Coloring Book downloaden. Wem ein bisschen nach Konzertfeeling ist, kann auch einfach ein den Play Button drücken.

CHANCE THE RAPPER live in Berlin

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