Mein Grundstudium in Tübingen war beendet und ich entschloss mich, nach zwei Jahren Fernbeziehung nach Leipzig zu gehen. Es waren erst wenige Wochen vergangen und ich stand in unserer ersten gemeinsamen Wohnung und räumte gerade die Spülmaschine aus. Ich hörte, wie jemand die Tür aufschloss und wunderte mich bereits, warum er so früh von Arbeit zurückkam. Mit einem Lächeln im Gesicht und einem Rührkuchen in der Hand, kam er in die Küche stolziert. Ich zweifelte schon an seinem Langzeitgedächtnis, denn mein Geburtstag war im Dezember und nicht im März, als er mir plötzlich „Alles Gute zum Frauentag“ wünschte. Ich war ziemlich überrascht und fragte verwundert „zum was?“. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass man mir zum Frauentag gratulierte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal von einem Frauentag gehört, geschweige denn ihm Bedeutung beigemessen.

Historie des Frauentags

Den Frauentag feierte man in Deutschland das erste Mal am 19. März 1911. Auf Initiative von Clara Zetkin hin und nach amerikanischem Vorbild, setze man sich anfangs für ein freies, geheimes und gleiches Wahlrecht für Frauen ein. Zu Beginn vor allem Teil der sozialistischen Bewegung hatte der Frauentag revolutionären Charakter. Ein weibliches Wahlrecht, eine Gleichberechtigung der Frau allgemein und die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen standen im Fokus der Frauenrechtlerinnen.  Seit den 1920er Jahren feierte man den Frauentag international am 08. März. Nach 1945 wurde im geteilten Deutschland unterschiedlich mit dem Frauentag umgegangen. In der DDR wurde der Frauentag zentraler Bestandteil einer Ideologie. Im Westen verlor der Frauentag an Bedeutung.

Mit der Frauenrechtsbewegung Ende der 60er Jahre erlangte der 8. März auch in der BRD wieder mehr Bedeutung. Man versuchte diesem ein neues Gesicht zu geben. Nicht opportun als „sozialistischer Muttertag“, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung als Tag, an dem sich Frauen für ihre Rechte einsetzten. Nach der Wende wandelte sich diese Wahrnehmung noch einmal, autonome Frauengruppen setzten sich länderübergreifend für ein politisches Comeback des Frauentags ein. Wenn man an die Anfänge zurückdenkt, eine relativ junge Entwicklung. Wie zu Beginn werden am 08. März inzwischen wieder vermehrt Veranstaltungen begangen. Frauen gehen auf die Straßen und demonstrieren für ihre Rechte, halten Feiern und Vorträge ab.

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Die letzten 3-4 Jahre ist mir vermehrt aufgefallen, dass der Diskurs um Frauenrechte und damit auch der Internationale Frauentag ein Revival erleben. Ob durch ein deutlich präsenteres Frauenbild in den Sozialen Medien, Aktionen wie #Aufschrei oder vergleichbare Debatten wie „Me too“ oder der Women’s March in verschiedenen Städten der Welt.

Die Gleichstellung der Frau

Ich bin der Ansicht, dass wir einen veränderten und modernen Feminismus brauchen. Die Zeit hat erst im November  getitelt, dass wir bei dem aktuellen Reformtempo grob 217 Jahre brauchen werden, bis tatsächlich eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau herrscht. Es wird sogar behauptet, Deutschland könnte im nächsten Gender Gap Report sogar zurückfallen.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel erreicht, was die Gleichberechtigung der Frau angeht. Trotzdem gilt es noch immer, die Rollenverteilung zu hinterfragen. Sexismus in den Medien, im Job oder im Alltag, Diskriminierung in bestimmten Berufen, Diskriminierung aufgrund von Mutterschaft bzw. die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf, Quotenregelungen, Gehaltsunterschiede, Ehegattensplitting, ungleiche Renten, Schutz vor sexueller Gewalt und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Dies alles sind Themen, die uns als Frauen beschäftigen sollten. In meiner aktuellen Lebenssituation tangieren mich nicht alle Bereiche gleichermaßen. Vor allem jedoch ist es der Sexismus und das fragwürdige Bild der Frau in den Medien, das mich nervt. In TV-Sendungen wie Germany’s next Topmodel wird uns vorgelebt, dass wir wie Ware einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen sollen. Alle schlank, makellos und gerne auch mal halbnackt.

Das funktioniert nur in den Medien, denn im Alltag würde man so schnell zum Sexobjekt stilisiert werden. Frauen auf Social Media präsentieren sich vor allem über optische Reize und werden dafür gefeiert, wenn ihnen gleichzeitig der Ruf einer Schlampe angedichtet wird. Das gute und brave Mädchen ist eben noch immer „sittsam gekleidet“ und schläft bestmöglich nur mit so vielen Männern, wie sie mit einer Hand abzählen kann.

Wer seine Brüste zeigt, kann seinen Intelligenzquotienten gleichzeitig abgeben – Schönheit, Sexiness und Intellekt sind gesellschaftlich für viele nicht miteinander vereinbar. Bestes Beispiel ist das Klischee der blonden Bombshell, die meist als naiv karikiert wird. Ein männliches Gegenstück hierzu gibt es nicht. Hat ein Mann Sex mit vielen Frauen, ist er ein Held. Ein weiblicher Player wird heutzutage eher als „Hoe“ bezeichnet.

Eine Frau, die ihre Sexualität (auch öffentlich) frei auslebt, ist nach wie vor ein Thema, das die Gemüter erregt. Eine Frau, die genauso gerne Sex wie ein Mann hat, in der Wahrnehmung eher ungewöhnlich. Dabei ist es unser gutes Recht, frei und ohne jeden Zwang zu leben und zu lieben. Ich finde, das Frausein sollte zelebriert werden. Es ist eine Stärke, die viele häufig verkennen. Genau deshalb engagiere ich mich auch schon so lange für die Kampagne #nurwennicheswill, die Mädchen und junge Frauen in ihrem Selbstbewusstsein stärken will.

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Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

Wir können uns heute frei bewegen, brauchen keine Erlaubnis mehr, um einen bestimmten Beruf auszuüben und können reisen, wohin wir wollen. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 20 Jahren strafbar, wir können uns kleiden, wie wir wollen. Egal wie kurz der Rock oder tief das Dekolleté. Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht mehr zwangsläufig strafbar. Wir haben ein Recht darauf, unsere Reproduktionsfähigkeit zu kontrollieren. Wir verhüten mit der mit der Pille, der Spirale und Kondomen und können im Fall einer Verhütungspanne inzwischen endlich auch ohne Verschreibungspflicht auf die Pille Danach zugreifen. Wir entscheiden, ob wir Sex haben und ob wir eine Schwangerschaft möchten. Wie die Pille Danach funktioniert, habe ich in diesem Beitrag schon einmal ausführlich erklärt.

Ein hohes Gut, das viele für selbstverständlich halten. Das ist es jedoch nicht, da Frauen hart dafür kämpfen mussten. Dieses Wissen sollten wir uns ins Gedächtnis rufen. Der Frauentag ist ein unglaublich wichtiger Tag, den zahlreiche Frauen über Jahrzehnte geformt haben. Er symbolisiert Freiheit und steht für all die Mühen im Einsatz für mehr Gleichberechtigung. Er soll uns näher zusammenbringen und den Weg für mehr Gleichstellung ebnen. In diesem Sinne euch allen einen schönen Frauentag! Feiert ihn!


*Dieser Beitrag wird im Rahmen einer Aufklärungskampagne für die Pille Danach unterstützt – pille-danach.de

** Bildcredit: Daniel Stirnberg & Golden Eyes Fotografie by Kathy Hennig

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