Ich habe eine Freundin, die ich bewundere. Wenn sie einen neuen Menschen trifft, kann sie diesen ohne Umwege in ihr Leben lassen. In ihren Kopf, in ihr Herz, in ihr Bett. Mit Leichtigkeit und einem Überschwang an Gefühlen stürzt sie sich von Abenteuer zu Abenteuer. Ich weiß nicht, wie sie das schafft. Weiß nicht, wie man das macht. Den Schalter umlegen und sich auf andere einlassen.

Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, weshalb ich vielem gegenüber so gleichgültig bin. Das schließt Menschen mit ein. Ich empfinde selten tief. Und das verwirrt mich. Ich bin ein Hitzkopf, gehe schneller in Flammen auf als heißes Öl, in das man sorglos Wasser kippt. Wut, Begeisterung, Neugierde oder Angstlust. Ich gebe dem gerne nach, lasse mich davon mitziehen.  Doch wenig davon ist von Dauer oder gar nachhaltig. Ein bisschen wie Fast Food für den Cortex. Ich brauche einen starken Reiz, um überhaupt eine Bindung aufzubauen. Egal, in welcher Lebenslage. Geht es um Beziehungen, bleiben sie lange belanglos, wenn mich nichts bewegt. Besagte Freundin stichelt dann gerne mit „Oh, you need the drama.“ Wenn Drama bedeutet, dass man ein bisschen aus der Mittelmäßigkeit des Alltags ausbricht, kann ich es nicht abstreiten. Inzwischen glaube ich, dass mehr dahinter steckt.

Streit, Ablehnung, negative Emotionen provozieren in mir nicht selten eine Bandbreite intensiver, schöner und auch anstrengender Gefühle. Sobald es kompliziert wird, kann ich mich eher auf eine Person einlassen, als wenn alles zu einfach und glatt verläuft. Nur dann komme ich aus meiner dunklen Ecke, neugierig, sehnsüchtig mit dem Wunsch nach Zuneigung. Gib mir die Peitsche und hoffe das nächste Mal auf Zuckerbrot. Ich habe oft darüber nachgedacht, warum ich vor allem von Menschen gemocht und begehrt werden will, die mir die kalte Schulter zeigen. Bin ich wie viele andere unfähig, mit Ablehnung umzugehen? Muss ich es mir schlichtweg nur selbst beweisen?

„Warum dieses Auf und Ab, warum den Wechsel aus Anziehung und Ablehnung, der mich immer wieder hooked?“

Wenn väterliche Ablehnung wie ein Dorn in deiner Ferse steckt, kannst du nicht beschwerdefrei durchs Leben gehen. Kannst nur schwer Männer nicht mögen, die dich ablehnen. Du schiebst einen Film, denn das kleine Mädchen in dir will ja noch immer nur geliebt werden Das zu erkennen, war ein großer Schritt für mich. Ich möchte niemand sein, der seine Freundschaften und Bindungen auf ein Verhaltensmuster gründet, das weit in die Vergangenheit reicht und eine alte „Verletzung“ heilen will.

Ich musste mir Zuneigung immer erkämpfen. Meist ohne Erfolg. Man arbeitet härter dafür und wenn man sie dann tatsächlich bekommt, ist es wie ein Rausch, ein Triumph über sich selbst und den anderen. Ich bin daran gewöhnt, dass Gutes nicht grundlos geschieht. Ich muss es mir verdienen. Dann kann ich es auch annehmen. Egal ob im Beruf oder in Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen.

weg-zur-selbstliebe

Was ziehe ich aus dieser Erkenntnis? Einen Menschen nur zu wollen, weil er dich nicht will? Achtsam und bestimmt werde künftig meinen Hut werfen und gehen. Mich selbst beschützen und von einem Bindungsmuster befreien, das mich die letzten zwei Jahre viel Kraft gekostet hat. Die Angst vor Zurückweisung will ich ziehen lassen. Verlustängste sollte man nicht wie den großen Antagonisten des Lebens behandeln und sein Handeln danach ausrichten. Wer zu verlieren fürchtet, hat nämlich schon verloren.

Ich habe Zuneigung und Liebe verdient, ungeachtet meiner Anstrengung und Mühen. Gefühle sind nicht echter und tiefer, nur weil sie mit Zurückweisung einhergehen. Auch wenn es sich für mich (noch) so anfühlt. Nur wer sich selbst wirklich liebt, der kann auch andere lieben. Alles andere bleibt ein Echo aus der Vergangenheit.

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Diskussion

Ein Kommentar zu “Echoes”
  1. Ich denke, dass das Erkennen, dass man sich zu allererst zu lieben sollte, eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben ist. Erst wenn ich mich selbst kenne – und mit mir im Reinen bin – kann ich auch Beziehungen resp. eine Partnerschaft eingehen. Zumindest erlebe ich es im Freundeskreis immer wieder, dass Menschen nicht allein sein können und sich so von einer Beziehung in die nächste stürzen, um eben genau dies zu vermeiden. Das ist dann schon von vornherein zum Scheitern verurteilt.
    Eine andere wichtige: alles ist eine Frage der Balance. Also nicht nur, dass es sich schwer machen und gemocht werden wollen, wenn man jemanden gleichgültig ist, sondern auch immer in der Lage sein, Vertrauensvorschüsse zu geben und jeden ganz leicht ins eigene Leben eintauchen zu lassen, finde ich schwierig. Am besten wäre wohl eine Mischung aus beidem ;)

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