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Du willst ihn, doch manchmal ignoriert er dich tagelang. Outing einer Betroffenen. Oder so ähnlich.

Früher habe ich nicht verstanden, wenn jemand meinte, Liebe oder Beziehungen seien eine Herausforderung. Bis ich einen Schweiger traf. Ich war verwöhnt, naiv, ein wenig zu beschützt und wurde von jedem Mann bisher auf Händen getragen. Tatsächlich wurde ich nie verlassen, nie enttäuscht und kannte Kompromissbereitschaft nur vom Hörensagen. Ich habe mich ausgelebt, meine Launen, meine schlechten Seiten und wenn mir danach war, spielte ich die Zugängliche. Keine Femme Fatale, sondern eine philophobe Frau mit Wutausbrüchen.

Dass man es mit mir so lang ausgehalten hat, wundert mich. Wäre ich damals mit mir liiert gewesen, hätte ich vermutlich früher oder später gefrustet das Feld geräumt. Ich habe hart an mir gearbeitet und mich geändert. Um an diesen Punkt zu kommen, habe ich mein komplettes Leben einmal umgekrempelt. Und eigentlich wäre ich jetzt an einem guten Ort, bin gewachsen und gereift. Wer nun denkt, alles sei rosig und ganz wunderbar, der irrt.

Zurzeit bin ich seit bald acht Monaten mit jemandem verbandelt, der meine Geduld häufig testet. Es fühlt sich an, als würde ich mit einem verwandt Wahnsinnigen kleine Kämpfe austragen. Leider ist der andere noch mehr harte Schale, noch misstrauischer und kann Bindungsangst nicht nur buchstabieren, er lebt sie. Wir sitzen manchmal in einem Boot und manchmal wirft er mich wütend von Bord, weil seine Launen es gerade so diktieren.

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Neue Lektionen in der Liebe mit einem Schweiger – klingt wie ein kitschiger Schinken aus den 90ern

Mit  Strategien im Bereich Kommunikation, mit Rücksichtnahme oder Verständnis musste ich mich vorher selten auseinandersetzen. Ich war Expertin im Bereich „Wortkotze“. Einfach raus damit, der andere wird schon damit zurechtkommen. Nun stellt euch vor, die Expertin Wortkotze trifft auf einen professionellen Stonewaller. Herausragende Kombination. Als würde man sein Sushi mit zu viel Wasabi und Ingwer genießen wollen. Man läuft rot an, hustet und weigert sich, noch einen Bissen zu nehmen. Zuviel Zunder, das kann doch keiner mehr schlucken.

Ich habe mich kontrolliert, an meinem Temperament gearbeitet und dann doch wieder geschimpft. Er verschwand. 2 Tage, 3 Tage, aktuell bald eine Woche und ich frage mich, ob wir uns je wieder sprechen. Ein emotional missbräuchliches Verhalten auf beiden Seiten. Ich behandle ihn nicht immer unbedingt respektvoll und er zieht sich zurück, nachdem ich einen Ausbruch hatte oder in meinem Gefühlsdusel die Dramaqueen herauskehre.

Dazu kommt, dass Menschen mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nicht unbedingt leicht zu handeln sind. Liest man in Foren darüber, raten einem „betroffene Ehefrauen“ dazu, so schnell wie möglich die Biege zu machen. Das macht einem so richtig Mut. Zu egoistisch, zu selbstbezogen. Man könne sein Leben an der Garderobe abgeben, weil man nur noch um seinen Partner schleicht, um den nächsten Ausbruch zu vermeiden. Nichts ist wirklich im Flow, vieles ist Arbeit. Auf eine lange Distanz ist Stonewalling besonders anstrengend. Obwohl man sich erst vor wenigen Tagen gesehen hat, glaubt man, die Welt gehe unter.

Die Lösung?

Man versucht gelassen zu bleiben, doch mit jedem weiteren Tag keimt so etwas wie Panik. Dabei ist man oft nicht einmal der einzige Grund, denn andere Umstände sorgen für zusätzlichen Stress und viele Menschen ziehen sich bei Stress gerne zurück. Vieles gerät aus dem Fokus, es nimmt einem die Energie und man ist gewillt, Spielchen zu spielen. Wie du mir, so ich dir. Dann überlegt man, dass man doch eigentlich man selbst bleiben sollte und den anderen für sein Verhalten nicht bestrafen darf. Wann haben uns Spielchen denn überhaupt schon einmal weitergebracht?

Trotzdem schätze ich meine schwierige Situation. Viele meinen, eine gute Beziehung zwinge einen dazu, an sich zu arbeiten und ein „besserer Mensch“ zu werden. Man ist angehalten, seine Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu gehen. Dabei verändert man nicht seinen Charakter, sondern die Art und Weise wie man miteinander interagiert. Man arbeitet sozusagen an seiner Perfomance, ohne sich dabei zu verbiegen. Das sind ganz neue Lektionen für mich. Und das nach bald dreizehn Jahren Beziehungserfahrung. Das Leben birgt nicht wenig Ironie, wenn so darüber nachdenke.

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Diskussion

16 Kommentare zu “Wortkotzerin trifft auf Schweiger”
  1. Nadja sagt:

    Liebe Mia,
    ich erinnere mich an einen klugen Satz, den ich mal gelesen habe und der irgendwie zu meinem Mantra geworden ist: „Man bekommt im Leben nicht immer das was man gerade will, aber immer das was man gerade braucht.“
    Wahrscheinlich hilft dir diese neue Erfahrung auf ein ganz anderes Level – ob nun in Sachen „Perfomance“, wie du schreibst, oder eben auch doch menschlicher Ebene. Eine Veränderung ist nicht automatisch ein Verbiegen, viel eher würde ich sie als Schritt in der Weiterentwicklung sehen.
    Ich selbst sehe mich als hoch temperamentvolle Frau, viel mehr als tickende Zeitbombe. Jedoch schaffe ich es manchmal, mir in „heißen Situationen“ vor Augen zu halten, ob mich der sich anbahnende Gefühlsausbruch nun also in meiner menschlichen Entwicklung, in der Entfaltung meiner Potentiale und im Erreichen meines größeren Ziels im Leben jetzt auch wirklich einen Schritt weiterbringt. Dann wird mir bewusst, dass er es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht tun wird, somit relativiert sich dann der Elefant auch wieder zur Mücke. Das aber nur als Randnotiz.
    Versuch die Situation wirklich entspannt anzugehen, sieh sie als Möglichkeit – an der du nur erfahren, lernen und wachsen kannst. Ich wünsche dir alles Gute dafür!

    • Mia Mia sagt:

      Liebe Nadja,

      danke für deinen Kommentar. Tatsächlich ist es so, dass mich diese Verbindung menschlich schon viel weiter gebracht hat, als es andere zuvor taten. Obwohl ich ihn erst seit Kurzem kenne, habe ich mich in vielen Bereichen schon aus meiner sogenannten Komfortzone herausbewegt. Trotzdem geht es einem damit nicht unbedingt gut, weil reibungslos ist anders. Vielleicht war ich die letzten Jahre aber auch zu bequem und muss jetzt lernen, dass ein respektvoller Umgang immer über jedem Gefühl von Wut oder Ärger stehen muss.

      Eine Woche angeschwiegen zu werden, ist einfach hart. Ich frage mich, wie andere das aushalten. Ich versuche optimistisch zu bleiben, doch die Wortkotze bereue ich schon sehr…

  2. die chrissy sagt:

    Erstmal drücke ich dich ganz fest! Man spürt deine Liebe in diesem kritischen Text. Ich erkenne auch einige Parallelen zu mir. Aber irgendwann kam der Mensch in meinen Leben, dem ich so vertrauen konnte und dadurch mein Temperament sich ohne viel Arbeit deutlich gelegt hat. Angekommen würde ich sagen :-) ich drücke dir die Daumen, dass alles wieder in die Reihe kommt! Jede Beziehung erfordert Arbeit und manchmal schmerzt ein notwendiger Konflikt. Wenn die überwunden werden wird die Bindung meiner Meinung nach aber stärker. Drück dich ♡

  3. Lakritz sagt:

    Oh, ihr seid wieder da, wie schön! :) Meine Netzroutinen waren ganz durcheinander… ;). Dafür habe ich in der letzten Zeit extrem viel Nachrichten gelesen…

    Mir kommt das sehr bekannt vor. Mir wird auch vorgeworfen, zu viel zu schimpfen, zu heftig zu sein. Oft bereue ich das auch. Er zieht sich dann, innerlich und oft auch äußerlich, zurück. Geht bei uns aber auch schon lange so. Einerseits habe ich mich bei vielem geändert (positiv), andererseits ist mir auch vieles verloren gegangen (Selbstwert). Aber das ist immer eine ganz persönliche Geschichte.

    Mein Tipp, so schwer es ist: In Rückzugsphasen auf dich besinnen. Achtsamkeit, dir Gutes tun, da es von ihm wohl gerade nicht zu erwarten ist. Wenn akut wütend, hilft es mir häufig, durchzuatmen, dem Anderen einfach zuhören. Mit geschlossenem Mund :). Vorerst runterschlucken, ankommen lassen. Vielleicht mal ein paar Tage mitnehmen. Und dann reagieren. Die Wut/Wortkotzerei ändert sich evtl.
    Und was Bindungsunfähigkeit angeht, so habe ich gelernt, dass der aktiv Bindungsflüchtige quasi nur durch den anderen Bindungshinterherrenner existieren kann (alles laienhaft wiedergegeben). Beide haben aber ein Problem mit Bindung. BEIDE. Weiß nicht, ob das ne Idee für dich ist, aber könnte ja sein. Beide müssen aufhören, der Eine damit, Druck auszuüben oder abzuladen, der Andere mit dem Wegrennen und Ablehnen.
    Vielleicht nicht zu hundertprozent passend, aber fiel mir dazu ein.
    Naja, und Tun ist ja immer schwerer als schlauschnacken ;). Auf mich bezogen jetzt ;). Alles Gute für die nächsten Schweigertage!

    • Mia Mia sagt:

      Hallo du!

      Ich habe immerhin den Fortschritt gemacht, dass meine Nachrichten und Co. jetzt nach einigen Tagen gelesen wurden, haha. Mehr als Abwarten und sich auf wichtige Dinge fokussieren, kann man wohl nicht machen. Ich war schon immer ein Kind des Zorns. Das sollte ich mir vielleicht gleich einmal als Headline notieren. Impulskontrolle viel mir schon immer so viel schwerer als anderen. Und ich habe damit schon sehr häufig Menschen vor den Kopf gestoßen.
      Was das Thema Bindungsunfähigkeit angeht. Da stehe ich drüber, da ich genauso war. Ich weiß, was in solchen Menschen vorgeht. Einerseits brauchen sie mehr Liebe und Zuneigung als jeder andere, zum anderen jedoch alle Freiheiten. Sobald du dich jedoch entziehst, sind sie gekränkt oder werden unruhig. Jede „harte Schale“ existiert nicht ohne Grund. Ich bin gespannt, wie viele Schweigertage es werden. Bei so einem Dickkopf sicher einige. Trotzdem werde ich mich deswegen nicht zum Affen machen.

      Liebst,
      Mia

  4. Doro sagt:

    Ich finde, was du schreibst, klingt nicht wenig ermutigend…
    Für jeden, der tatsächlich gewillt ist, an seinem Gegenüber zu wachsen, kann ich „Die Liebe ist das Kind der Freiheit“ von Michael Lukas Moeller empfehlen. Das hat mir, auch wenn ich manchmal Probleme hatte, den 80er-Jahre-Charme zu überlesen, tatsächlich nach 13 Jahren Beziehung und einer heftigen Ehekrise noch mal die Augen für den anderen geöffnet. Ich finde es aber ebenfalls schwierig, den Egozentrismus in der Liebe wirklich zu überwinden und trotzdem bei sich zu bleiben.
    Alles Gute für dich und für euch.
    Doro

    • Mia Mia sagt:

      Liebe Doro,

      danke für den Tipp. Egozentrismus ist meines Erachtens nicht schlimm, man muss nur im Flow bleiben. Ich bin ebenfalls nicht wenig egozentrisch. Und ich würde wahnsinnig werden, wenn mir jemand anderes ein Verhalten aufdiktieren will. So wie es bei ihm tat, haha. Selbstreflektion hallo. Ich konzentriere mich per se einfach nur auf das gute Gefühl. Ich glaube, das ist essentiell. Nur wer sich auf Positivität, Selbstliebe und Wohlwollen für andere einstellen kann, ist langfristig ausgeglichen und bei sich.

      Liebe Grüße an dich!

  5. Lakritz sagt:

    Deine Beschreibung „beziehungsscheuer Menschen“ trifft es ja voll! Sorg ich mich um mich, ist er plötzlich auch ganz präsent (und liebevoll), obwohl ich es dann nicht bräuchte, da versorgt. Bin ich auf der Suche nach Nähe, fühlt er sich ganz schnell eingeengt und ist tendenziell ablehnend. Und das schon seit JAHREN :).
    Krass! :)

    Warum heißt ihr eigentlich plötzlich anders? ;)
    Kind des Zorns….tjaaa. Kenn ich auch. Plötzlich eine rote Wand. Allerdings bin ich froh, dass ich „nur“ privat und verbal rummosere ;).

    Liebe Grüße

    • Mia Mia sagt:

      Hallo,

      ich werde inzwischen nicht mehr angeschwiegen. Immerhin ein Fortschritt. Der Rest steht in den Sternen. Ja, diese beziehungsängstlichen Menschen kenne ich gut. Ich bin wahrscheinlich der Vorreiter dieser Spezies. Bindung ist gut, doch sobald es zu eng wird, ziehe ich mich zurück. Will ich meine Ruhe und jmd. meldet sich 27x, bin ich genervt. Ich ziehe mich dann immer mehr zurück. Ein bisschen, wie Kerle es tun, haha.

      Die Umbenennung ist schon lange angedacht. Wir sind eine „Maedchen“ mehr, wollten schon länger geschlechtsneutraler klingen. :)

      Liebe Grüße

  6. Jane Jones sagt:

    der letzte Absatz … <3
    Ich bewundere, wie Du mit Worten umgehen kannst.

  7. Laura Eve sagt:

    Ich finde diesen Artikel einfach wahnsinnig gut. Schon die Einleitung hat mich total gefesselt. Ich liebe einfach Blogger, die auch mal persönlicher werden können und Themen ansprechen, über die nicht so viele Leute sprechen. Ich finde du stellst einfach eine Nähe zwischen dir und dem Leser her, die wirklich faszinierend ist. Bin fast ein bisschen traurig, dass ich deinen Blog erst jetzt gefunden habe.

    Liebst, Laura

    • Mia Mia sagt:

      Liebe Laura,

      ich danke dir von Herzen für dieses liiiiebe Kompliment. Da freuen wir uns alle sehr! <3

      Mia & the Crew

  8. Sabina sagt:

    Ich war fast 10 Jahre in einer Beziehung, die eigentlich reibungslos verlief – wie sich im Nachhinein herausstellte auch absolut belang- und lieblos.
    Da ich das nie wieder möchte, hat es mein jetziger Partner auch nicht leicht mit mir. Denn ich bin da wie du und rotze einfach alles raus, ob es weh tut oder nicht. Er macht alles lieber mit sich aus und das wiedrum bringt mich auf die Palme. Aber ich fühle seine Liebe, wie ich es bei meinem Ex nie gespürt habe und darum lerne ich zu tolerieren. Schließlich bin ich auch nicht einfach zu handhaben. Mal will ich Nähe, dann wieder nicht…
    Ich glaube, wir wollen immer alles zu perfekt und im Grunde sind wir einfach nur unsicher und haben Angst, wir selbst zu sein.

    Toller Artikel jedenfalls und viel Freude aneinander!

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