SpeakYourMInd

In meinem Umfeld gelte ich als Hitzkopf. Will sagen, wenn mir was gegen den Strich geht, kann sich meine Laune durchaus verändern. Ich war noch nie gut darin, ein freundliches Lächeln aufzusetzen und versöhnlich zu nicken, wenn mir eine Sache eigentlich nicht gefiel. Stattdessen spreche ich offen an, wenn mich etwas nervt. Das gelingt mir inzwischen mehr oder minder diplomatisch. Bevor manche nun denken, ich sei zickig, bitchy oder besäße keine Impulskontrolle: Kommunikation ist für mich eine eher direkte Angelegenheit. Im Positiven, wie im Negativen. Konstruktive Kritik vermittle ich relativ ungefiltert, doch auch mit anerkennenden Worten spare ich nicht. Die Kunst des diplomatischen Seiltanzes, feine Nuancen in einer wohl überlegten Konversation setzen? Kann ich auch, doch im Alltag überwiegen andere Kommunikationsmuster.

Jess habe ich früher für ihre Geduld bewundert. Sie kann eine unliebsame Person freundlich und von persönlicher Antipathie unbeeindruckt begrüßen. Das bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Ganz ehrlich, diesen All-American-Girl Stuff bringe ich nicht. Ich schaffe es nicht immer, über meinen Schatten zu springen. Wenn ich mit jemandem nicht zurecht komme, spürt die entsprechende Person das früher oder später. Es gibt Tage, an denen ich mir mehr als einmal auf die Lippe beißen und mich zur Räson bringen muss. Irgendwann ist das Maß jedoch voll und die Worte sprudeln nur so aus mir heraus. Wenn mich etwas bedrückt oder beschäftigt, muss es einfach raus! Es kommt regelmäßig zu Situationen, in denen man folgende Entscheidung trifft: Thematisiert man seinen Ärger offen oder behält man diesen für sich? Wie wenig taktvoll manche Menschen sind und wie schwer es ist, gelassen zu bleiben merke ich zurzeit beim Sport. Auf engem Raum, die Sinne von testosteronschwangerer Luft vernebelt, vergessen manche Individuen scheinbar die gute Kinderstube.

Ich trainiere momentan regelmäßig und bin dementsprechend häufig im Fitness First Women Club oder im McFIT. Im McFIT befindet sich nichts je an seinem Platz. Die 2kg-Hantel liegt einsam und verlassen an der Multipresse, während das Gegenstück verschwunden ist. Ein Großteil der Scheiben stapelt sich meist bei einem bulligen Steroidheini. Die sind die nächsten 30 Minuten für andere erst einmal tabu. Im Übrigen ist alles immerzu mit Handtüchern reserviert, egal ob ein Kerl tatsächlich trainiert oder es vorzieht zu telefonieren. Natürlich mit Mikro im Ohr, so dass man wild gestikulierend die Gänge als Catwalk nutzen kann. Man ist ja schließlich wichtig und macht nachts um 23 Uhr Business. Vor dem Training ist nach dem Training? Im McFIT interessiert das niemanden. Unordnung, Chaos und Handtuch-Battles sind an der Tagesordnung. Was mich vorgestern nun beinah zur Weißglut gebracht hat, war eine Gruppe von jungen Männern, die kein Interesse am Workout, sondern am Chit Chat hatte. Und am Glotzen. Wenn fünf Augenpaare auf dir kleben, während du Schrägbankdrücken und Jump Squats machst, kannst du dich schon einmal vergessen. Nachdem ich nach einigen Minuten das Gefühl hatte, eine Art Attraktion darzustellen, habe ich meine Gewichte entnervt abgelegt. Ich war etwas aufgekratzt, die Arschschau ging mir nämlich mächtig auf den Zeiger. Anstatt mit einem unguten Gefühl einen anderen Bereich aufzusuchen, habe ich mich zum Kreis der holden Männlichkeit gesellt und gefragt, was denn eigentlich so interessant sei? Mehr als verdatterte Blicke und Gestammel von wegen „Nichts…wir trainieren hier nur […]“ brachten sie nicht hervor. Einer der Typen konnte nicht aufhören zu grinsen. Ich deutete auf seine schlanken Oberarme, nickte verständnisvoll und kommentierte die Situation mit „Besser is‘ das“. Seine Kinnlade wanderte nach unten, ich verabschiedete mich aus der Runde und habe anschließend weiter trainiert. Angestarrt wurde ich danach nicht mehr.

In solchen Momenten bin ich froh, meine Klappe nicht halten zu können. Die Grenze des nonverbalen Catcallings war für mich überschritten und ich musste mir einfach Luft machen. Wie ergeht es euch im Umgang mit anderen? Bringt ihr zum Ausdruck, was euch nervt oder schluckt ihr euren Ärger lieber herunter?

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Diskussion

11 Kommentare zu “Speak Your Mind?”
  1. Agata sagt:

    Danke, dass Du den Uni Freigewicht Bereich für Frauen zugänglicher machst <3

    Bei uns ist dieser sehr angenehm, doch ich kenne weiterhin viele Frauen, welche partout wegen Blicken nicht den Frauenbereich verlassen.

  2. Lina sagt:

    Ich kann in einer hitzigen Situation auch schnell den Kopf verlieren. Das, was du aber im Fitnessstudio getan hast, ist meiner Meinung nach eher ein mehr als berechtigtes Zurechtweisen. Finde ich gut, sehr sogar!
    In anderen Situationen habe ich gelernt, eine Nacht drüber zu schlafen – wenn es um wütende Mails geht beispielsweise. Das hat sich als sehr hilfreich herausgestellt.
    Generell finde ich es aber eine super Eigenschaft, wenn man Kritik direkt anbringt!

  3. MuhKuhAddict sagt:

    Erstmal danke, dass Du meine Entscheidung auch noch einmal bekräftigt hast, dass das MC Fit definitiv nicht das richtige Studio für mich sein wird. ^^ Ich hatte kürzlich noch für meinen Blog und meinen Start in LE recherchiert.
    Ich muss nach einem halben Jahr Onlinefitness endlich mal an richtige Geräte und brauch dahingehend mehr Auswahl. ;-)

    Bei mir ist das mit den Launen personenabhängig… Wenn mich Fremde nerven oder wie in Deinem Fall so dämlich von der Seite anglotzen, dann ignoriere ich das äußerlich, während es im Inneren brodelt.
    Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass man mir das in dem Moment anmerkt und mein arrogant genervter Gesichtsausdruck sogar noch reizvoller für diese Art Mann ist. ^^
    Von daher würde ich mir manchmal wünschen, etwas taffer auftreten zu können, als mich letztendlich genervt zurück zu ziehen, um meine Ruhe haben.

    Bei Freunden oder Familie ist das anders. Da kommen dann auch öfter mal meine Hörner durch (wenn man denn dem Sternzeichen-Kram glauben schenken kann).

    Wünsch Euch einen schönen Abend! ;-)

  4. Was bin ich froh die McFit-Phase hinter mich gelassen zu haben! Generell kann ich Fitnessstudios nichts mehr abgewinnen und schätze das Training mit Cassey und Tara in den eigenen vier Wänden. Du hast die Atmosphäre in diesem Pumper-Tempel vortrefflich beschrieben. Mich haben nicht nur diese unangenehmen Blicke der Möchtegern-Arnies gestört, sondern auch das ständige Angequatsche von den Trainern. Als gebürtige Rheinländerin habe ich generell ein fröhliches Gemüt und mag Small-Talk aber wenn ich trainiere will ich meine Ruhe haben.
    Bis vor wenigen Jahren habe ich über blöde Situationen hinweggesehen und gedacht „Egal, schon okay“. Mittlerweile spreche ich je nach Situation die Dinge freundlich aber direkt an.

  5. Dana sagt:

    Ich bin da sehr gespalten. Mal gibt es Momente, da verhalte ich mich wie Jess. Dann gibt es wiederum auch Mia-Momente. Dann sprudelt es aus mir heraus. Meist am Ende, wenn ich sehe das jemand ungerecht behandelt wird. Bei mir selbst kann das eine Zeit dauern bis ich den Mund aufmache. Das hat sich allerdings in den letzten Jahr gebessert. Woher soll das Gegenüber merken das es gerade in den Fettnapf gelatscht ist.
    Also Mund auf. Das ist auch mehr oder weniger meine Devise

  6. Barbara sagt:

    Wow, du hast meinen Respekt für die Art und Weise, wie du mit der Situation umgegangen bist!
    Ich schaffe es nicht immer, alles zu sagen, was ich mir denke. Aber wenn doch, fühlt es sich oft sehr gut an!

  7. Lakritz sagt:

    Mir gehts auch verschieden! ;)
    In dieser Situation wäre ich wahrscheinlich „feige“ gewesen, weil ich mich in so Anglotzszenarien oft hilflos fühle. Kommt mir hingegen jemand (Fremde) offensichtlich unangebracht unverschämt reagiere ich manchmal übertrieben zuckersüß und ein bisschen ironisch. Schlagfertigkeit macht mir Spaß. ich merke aber auch, dass ich da manchmal noch etwas übers Ziel hinausschieße. Ich übe ja noch… Allerdings geht es MIR besser damit, als es hinunterzuschlucken. Manchmal wähle ich die softe Tour und versuche zu äußern, was ich empfinde ;) und lasse das dann so stehen ohne jedoch meine Gefühle zu rechtfertigen. Klappt auch ganz gut!

  8. Lakritz sagt:

    Deine Reaktion finde ich aber auch sehr cool! Respekt für dein Selbstbewusstsein!

  9. Bambi sagt:

    Auch von mir Daumen hoch für deine Reaktion! In „meinem“ McFit ist der Testosteron-Freihantelbreich auf einer anderen Etage. Da geh ich sowieso nie hin, weil ich mich dort fehl am Platz fühle (auch weil es dort mufft wie nix gutes, weil Kellerloch und fensterlos!). Der Frauenbereich ist bei uns so winzig, mit zwei Leuten drin ist der voll, sonst stößt man sich an. :/ echt suboptimal. Ein Freund von mir hat auch schon gewechselt – sollte ich auch mal machen.

  10. Lory sagt:

    Oh wow, ich bewundere dich total *.*. Ich bin immer der diplomatische Trottel, dem auf den Schädel geschissen wird. Es gibt Momente, wo ich sehr froh bin, das drauf zu haben, aber meistens geht mir das schon so gegen den Strich, dass ich nur noch im Quadrat kotzen will.
    Ich finde dieses Thema sooo interessant. Warum ist der Eintrag nicht läääänger xD?

  11. shalely sagt:

    Also freundlich grüßen bekomme ich noch hin, wenn ich jemanden nicht mag. Dann wird es schwierig denn ich kann mir noch so sehr Mühe geben, man sieht es mir am Gesicht an wenn ich genervt bin, schlechte Laune habe oder jemand mir auf den Keks geht. Meistens schlucke ich Ärger über andere erst mal runter, wenn es dann aber mal zuviel wird, knallt es so richtig. Sicherlich auch nicht optimal. Sehr cool von dir, den Typen die Meinung zu sagen. In solchen Situationen würde mir auch der Kragen platzen. Ich mache 2 x die Woche Zumba, da sind die Männer eher in der Unterzahl. ^^

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