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Wenn ich durch die Leipziger Innenstadt schlenderte, gab es über viele Monate ein Werbeplakat, das mich immens gestört hat. Eine barbusige Frau im Bademantel räkelt sich auf einem Hotelbett, trägt Make-Up wie man es vom Cast eines durchschnittlichen Sexfilms kennt und blickt mit leicht geöffnetem Mund unschuldig auf den alten Leipziger Theaterplatz. Diese Einladung zum Sex sollte eigentlich für die baldige Eröffnung eines Hotels werben. Seit einiger Zeit wurde der Busen abgeklebt, scheinbar haben sich auch andere daran gestört. Mit Brüsten fürs neue Hotel, mit duschenden und entkleideten Models im Baumarkt für das neue Bad oder einem vollen Dekolleté für prall gefüllte Krapfen beim Bäcker – die Werbeagenturen haben schon länger Geschmack am Sex gefunden. Sex sells, Pornografie und frauenfeindliche Bilder in der Werbung sind gesellschaftsfähig geworden. Frauen und ihre Körper werden objektiviert und dienen als Verkaufsanreiz. Das passiert freilich auch mit Männern, gilt dann jedoch schon aber als ironischer Coup.

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Ich finde Nacktheit nicht verwerflich, Frauenkörper schön und einen offenen Umgang mit Weiblichkeit und Sexualität wichtig. Wenn das Ganze nur nicht so unendlich paradox wäre und man von uns Frauen eigentlich genau das Gegenteil erwarten würde! Es gibt zwei Arten von Frauen: Die übersexualisierte Blondine mit großen Brüsten, die derzeit das deutsche Sexualstrafrecht aufmischt und die ganz normale Frau von nebenan. Die eine wird zwangsweise mit Sex und vor allem mit Sex in Verbindung gebracht, während die „normale Frau“ ihre Beine gefälligst geschlossen halten soll. Eine Frau, die mehrere Sexpartner hatte, wird schnell als promiskuitiv abgestempelt. Hat ein Mann drei Liebschaften gleichzeitig, gilt er unter Seinesgleichen als Held. Frauen dagegen sollen „hard to get“ spielen und möglichst nicht zu viele Sexpartner aufzählen können. Alle andere macht uns nämlich zu Schlampen. Und wer will schon eine Schlampe heiraten, mit einer Schlampe über Familienplanung nachdenken oder mit einer Schlampe gar auf eine langfristige, monogame Beziehung setzen? Die wenigsten Männer. So zumindest mein Eindruck. Dieses ungleiche Rollenbild, das Slut Shaming und die nicht gerechtfertigte Übersexualisierung einzelner Frauen oder eines bestimmten Frauenbilds in unserer Gesellschaft nervt mich offen gestanden an. Ich sage nicht, dass Frauen mit vielen Männern schlafen sollen. Wenn man einen Mann liebt und nur mit diesem einen Mann sein möchte, ist das wunderschön. Wenn man sein Singleleben jedoch in vollen Zügen genießen möchte und an einem Wochenende zwei Männer mit nach Hause nimmt, ist das ebenfalls voll zu akzeptieren. Es bedeutet nicht, dass man als Frau weniger wert ist, weniger zu Liebe imstande oder gar weniger vertrauenswürdig ist. Ich habe Sex, nur wenn ich es will. Ich liebe nur, wenn ich will – und wen ich will.

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Willst du was gelten, mach dich selten? Das obsolete Rollenbild der Frau, die Überkompensation durch Frauen wie Gina Lisa sie verkörpert und die widersprüchliche Objektivierung des weiblichen Körpers sorgen bei mir für Kopfschmerzen. Meine Meinung dazu? Lebt euer Leben, wie ihr es möchtet und steht offen zu eurer Sexualität und euren Vorlieben. Je mehr Tabus bestehen, desto langsamer gelangen wir – auch als Frauen – zu Toleranz, Selbstakzeptanz und gesellschaftlicher Anerkennung. Und was die Werbung angeht, brauchen wir eine Gesetzesänderung, die eine Geschlechterdiskriminierung verbietet. Doch dafür hat der Bundesjustizminister bereits einen Entwurf vorgelegt. Wird am Ende doch alles gut?


* Dieser Beitrag wird von Cohn & Wolfe im Rahmen einer Kampagne für die „Pille Danach“ unterstützt.

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Diskussion

2 Kommentare zu “Übersexualisierung, Slut Shaming und eine notwendige Gesetzesänderung”
  1. Amelie sagt:

    Im Rahmen meiner BA Arbeit habe ich mich ziemlich ausführlich mit der Thematik befasst. Seit Jahrzehnten wird sich der gleichen Bilder und Rollen bedient. Schaut man Werbung aus den 50er Jahren oder von 2016, kein Unterschied. Traurig.
    Auch bei dem Auftreten von Geschlechtern in geschlechtsatypischer Werbung, also Männern in Reinigungsmittelwerbung oder Frauen in Automobilwerbung so wird sich doch auch immer noch an etablieren Geschlechterstereotypen bedient.
    Dem Gesetzesentwurf stehe ich ein wenig kritisch gegenüber, aber ich bin gespannt…

    • Mia Mia sagt:

      Ich stimme dir zu, das Rollenbild hat sich seit damals in Teilen natürlich gewandelt, doch ist in der Grundstruktur dasselbe geblieben. Geworben wurde auf diese sexuell missbräuchliche Art und Weise (meines Erachtens findet das zum Teil statt) damals jedoch nicht, da Nacktkeit generell stärker tabuisiert war. Die Entwicklung ist keine glückliche…

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