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Bild: BiolebensmittelCamp 2018 / Jasmin Walter

120 Teilnehmer | 18 Sessions | 3 Tage | 2 Keynotes | 1 Pre-Convention-Tour

So lässt sich das zweite BiolebensmittelCamp, dass vom 16.-18. März 2018 stattfand, in Zahlen zusammenfassen. Mehr als 120 Teilnehmer aus der Bio-Branche kamen unter dem Motto „BigBangBio“ zusammen, um sich auszutauschen und zu netzwerken. Veranstaltungsort war das Landgut Stober in Brandenburg – ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, der sowohl für Erholung als auch große Veranstaltungen viel Raum bietet.

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Für mich war es der erste Besuch des BiolebensmittelCamps. Aufgrund meiner positiven Erfahrungen mit dem NaturkosmetikCamp hatte ich große Erwartungen an das Wochenende. Und ich wurde nicht enttäuscht. Doch beginnen wir von vorn.

Was ist das BiolebensmittelCamp?

Beim BiolebensmittelCamp handelt es sich um ein klassisches BarCamp. Hier trifft sich die ganze Branche, allerdings sind die Teilnehmerplätze für die unterschiedlichen Branchenteile limitiert. So ist eine spannende Mischung garantiert. Beim BiolebensmittelCamp fanden sich so Vertreter von Marken, Einzel- und Großhandel, Rohstofferzeuger, Gastronomie & Hotellerie, Verbänden, Kooperationen, Agenturen, Universitäten sowie anderen Ausbildungsstätten, Studenten, Endverbraucher und natürlich Presse- und Medienvertreter.

Stellt euch einfach vor ihr habt in kürzester Zeit die Möglichkeit mit einer Produktmanagerin von Voelkel, einem Aufsichtsratsvorsitzenden von Permagold, dem Lieblingskoch der Bio Hotels oder dem Herausgeber von Biorama zu sprechen. Ich persönlich finde die Mischung bei BarCamps einfach genial, da so die verschiedensten Blickwinkel in die Unterhaltungen und Sessions einfließen. Apropos Sessions – diese bilden das Herzstück eines jeden BarCamps. Sämtliche Teilnehmer haben die Möglichkeit einen Themenvorschlag für eine Session einzureichen und auch selbst über die Themen abzustimmen. In diesem Jahr gab es insgesamt 28 Vorschläge, von denen 18 in Sessions umgesetzt wurden.

Hinzu kam ein wirklich sehr gutes Rahmenprogramm. Leider war ich am Freitag zur Pre-Convention-Tour ins Ökodorf Brodowin noch nicht vor Ort. Dafür hatte ich am Samstagabend beim Auftritt des Improvisations-Theater Theatersport Berlin einen Heidenspaß und generell sehr kurzweilige Gespräche bei sehr guter Verpflegung.

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Drei Bemerkenswerte Sessions

Die 18 durch die Teilnehmer gewählten Themen fanden zu Blöcken mit jeweils drei Sessions statt. Man muss sich also entscheiden und kann nicht alle Sessions besuchen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Ich bin froh, dass ich mich – gegen meine Gewohnheit – nicht ausschließlich für Themen rund um Kommunikation und Medien entschlossen habe.

„Der innere Weg ist ebenso wichtig wie der äußere Weg.“

Michael Stober, Gastgeber des Landgut Stober, stellte in seiner Session die Frage, wie man schon in jungen Jahren dazu ermutigen kann sinnvoll zu handeln, anstatt ins Hamsterrad der Marktwirtschaft zu geraten. Seine Idee in der Schule Mathematik abzuschaffen und ein Fach zu etablieren, welches sich mit Fragen zu Krisen, Veränderung, Scheitern, Liebe und den inneren Werten beschäftigt, finde ich großartig. Natürlich kann man selbst mit einem solchen Fach nicht das Wissen und den Erfahrungsschatz haben, den man mit 20, 30, 40, 50 oder 60 Jahren hat. Man muss seinen Weg erst gehen. Am Ende schließt es sich dennoch nicht aus etwas sinnvolles zu tun und zugleich den Karriereweg zu wählen, denn immer wenn man etwas mit Leidenschaft macht, wird es richtig richtig gut.

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„Bio – wir sind nicht besser, nur teurer!“

Bemerkenswert war auch die Session von Henrike Rieken (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde), Christian Eichert (Bioland e.V.) und Manuel Pick (Bohlsener Mühle). Die drei luden zum Gedankenkopfstand ein. In der Regel beginnt eine Session mit einem kurzen (Impuls)Vortrag zum Thema, bevor man zum gemeinsam Austausch übergeht. Nicht so in diesem Fall. Die Session war so völlig anders als ich es bisher kannte. Hier war es die erste Aufgabe sich frei von der Leber weg so richtig über die Bio-Branche zu beschweren und zu formulieren was einen so richtig nervt. Im Anschluss wurden Slogans gesammelt, um die Branche dann gleich noch so richtig gegen die Wand zu fahren. Darunter waren ein paar echte Perlen. Sicher könnt ihr euch nun denken, wie ich auf die Überschrift zu dieser Session kam. Später haben wir in kleinen Gruppen einen Perspektivwechsel vorgenommen. Was wollte man der Branche schon immer mal sagen und was wünscht man sich wenn man zum Beispiel Sternekoch, Eckkneipenbesitzer, eine konservative Partei mit C im Namen, Blogger (haha!), der Lebensmitteleinzelhandel oder ein Kindergartenkind (etwas Spaß muss auch sein) ist. Eine echt tolle Session, denn es ist wertvoll sich auch mal in andere hineinzuversetzen, die aus ihrer Warte heraus auch Recht haben.

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„Free Bio“?!

Die für mich spannendste Diskussion befasste sich mit der Fachhandelstreue bei Bio-Marken. Initiiert wurde die Session von Claudia Bschor (Sonnentor) und Hassaan Hakim (Yool), die konträre Meinungen vertraten. Während Hassaan aus Agentursicht, zur Förderung der Marktmacht und Erschließung weiterer Zielgruppen dafür plädiert, dass man Bio-Marken auch außerhalb des Bio-Fachhandels im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) kaufen kann, sprach sich Claudia aus Sicht von Sonnentor dagegen aus. Bei Sonnentor hat man sich bewusst für die Fachhandelstreue entschieden, da der Fachhandel die Marke groß gemacht hat. Zudem wird befürchtet, dass der Nachhaltigkeitskreislauf nicht mehr funktionieren würde, wenn man in deutlich größeren Mengen produzieren müsste. Aus Sicht des Bio-Fachhandels ist die Treue ebenfalls wünschenswert, denn man ist besorgt und unsicher, ob die Kunden noch in den Fachhandel kommen würden, wenn bestimmte Bio-Marken nun überall verfügbar wären. Gleichzeitig kann aus der Fachhandelstreue aber auch ein Fachhandelszwang werden. Nämlich dann, wenn große Bio-Fachhandelsketten damit drohen ganze Marken auszulisten, wenn diese auf einmal auch außerhalb käuflich wären.

In Konsequenz gibt es inzwischen auch sog. LEH-Hybride, wie sie im Rahmen der Diskussion genannt wurden. Dies ist dann der Fall, wenn bekannte Bio-Unternehmen extra für den LEH eigene Marken kreieren. Quasi das gleiche Produkt in anderem Packaging. Eine weitere Stimme begrüßte nun endlich Bio-Marken im LEH. Schließlich müsse man auch einer Zielgruppe, die sich im Bio-Fachhandel nicht wohl fühlt oder schlicht und ergreifend keinen vor Ort hat, den Zugang zu den Produkten gewähren. Eine anwesende Studentin freute es ebenfalls, dass sie bestimmte Bio-Marken auch außerhalb des Fachhandels findet. Einen regelmäßigen Einkauf dort könne sie sich einfach nicht leisten, aber kauft dann im Supermarkt doch immer noch die ein oder andere Bio-Marke mit ein. Daraufhin folgte der Einwand, dass es ein Risiko sei die Bio-Marken im Supermarkt zu finden, da man dadurch auch den Abverkauf konventioneller Lebensmittel fördere. Schließlich würden die Leute dann nicht wegen ein oder zwei Produkten, die man im LEH nicht in Bio-Qualität findet extra noch in den Fachhandel kommen, sondern diese einfach konventionell kaufen.

Es war eine lebhafte Diskussion, die ich hier auch nur in Teilen wiedergeben kann. Ich persönlich sehe es eher als Chance für die Branche bestimmte Bio-Marken auch im LEH und der Drogerie kaufen zu können, selbst wenn es sich um die angesprochenen Hybride handelt. Wenngleich dies bedeutet, dass sich der Fachhandel in Teilen „bewegen“ und einen Mehrwert kreieren muss, um Käufer nicht zu verlieren. Für die Marken ist es am Ende eine Frage der Philosophie, Positionierung und auch von Kapazitäten, die darüber entscheiden in welche Regale man seine Produkte stellen möchte.

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Ihr seht schon, ich bin mit jeder Menge Eindrücken und Impulsen vom BiolebensmittelCamp 2018 zurück nach Hause gefahren und freu mich bereits jetzt auf das nächste Jahr.

Bildercredit: BiolebensmittelCamp 2018 / Jasmin Walter

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