friendship222

Als Außenseiterin hätte mir die Digitalisierung nicht mehr in die Hände spielen können

Das Getuschel um meine Person begann irgendwann in der 7. Klasse. Einfach so und aus dem Nichts. Auf einmal war ich in den Augen meiner Mitschüler anders und nicht mehr eine derer, mit denen sie sich gerne umgaben. Ich passte weder in ihr Raster, noch hatten wir sonderlich viel gemeinsam. Trotzdem schmerzte es mich, nicht dazu zu gehören. Stattdessen saß ich häufig mit einer meiner wenigen Freundinnen im Abseits. Wir hatten uns gefunden, waren wir schließlich beide ein Dorn in den Augen unserer Mitschüler. Die eine zu schlau und strebsam, die andere eventuell etwas zu weit, was Jungs betraf.

Irgendwann wurde ich vorsichtig

In dieser Zeit hat mir meine Gutgläubigkeit immer wieder Probleme eingehandelt. Denn während ich in schwachen Momenten den falschen Leuten Dinge anvertraut habe, waren diese schon längst auf dem Weg, mich zum Gesprächsthema des gesamten Klassenverbandes zu machen. Keine sonderlich schöne Zeit! Denn statt mir Freunde suchen zu können, die mich wirklich mögen, war ich gezwungen mit denen auszukommen, die mich tagtäglich umgaben. Was blieb mir allerdings auch anderes übrig? Weder waren Smartphones existent, noch war das Internet zu dieser Zeit überhaupt ein Thema.

Mit dem Einzug von ICQ, MSN und Myspace in die Kinderzimmer, begann sich jedoch etwas ganz Wesentliches für mich zu verändern. Auf einmal war da eine Masse an Menschen mit gemeinsamen Interessen. Man tauschte sich in Foren aus, chattete stundenlang und telefonierte, als hätte man sich in der Eisdiele um die Ecke kennengelernt.

Auf einmal war ich nicht mehr die Außenseiterin.

Nie war es mir so leicht gefallen Menschen zu finden, die mit mir auf einer Wellenlänge sind. Gleichzeitig machte es mich unabhängig von all denen, mit denen ich eben nicht so gerne meine Zeit verbrachte. Sei es nun, weil sie hinter meinem Rücken redeten oder mir gerne die Worte im Mund verdrehten.

Rückblickend hätte mir die Digitalisierung nicht besser in die Tasche spielen können. Sie hat mir nicht nur mein Berufsfeld geebnet, sondern mir auch ermöglicht die besten Freunde meines Lebens zu finden. Meine beste Freundin Sara? Habe ich 2006 als Teenie auf Myspace kennengelernt. Siana, eine meiner engsten Freundinnen? Wurde zu einer meiner Herzensmenschen, weil wir uns gegenseitig Blogkommentare schrieben. Ich könnte die Liste ewig fortsetzen. Und auch wenn ich hier und da Freunde habe, die ich offline getroffen habe, muss ich zugeben, dass ich gerade die, die ich heute so schätze, ohne das Internet nie kennengelernt hätte. Ein wenig erfüllt mich das mit Ehrfurcht – und gleichzeitig ist da so viel Wärme und Liebe.

Was sind schon verschiedene Kontinente

Was wären wir letztlich auch ohne das Internet? Wir können mit unseren Freunden schreiben, die sich im Auslandssemester befinden. Wir können ohne Probleme Fernbeziehungen über Kontinente führen. Alles ohne das Gefühl zu haben, zu wenig von der Person am anderen Ende zu sehen oder zu erfahren. Wir sind immer dabei, können live Nachrichten austauschen und unterliegen keinerlei Zeitversetzung. Als ich mit 12 Jahren Brieffreundschaften pflegte, war das noch anders.

Die Digitalisierung ist einfach ein Segen unserer heutigen Zeit, anders kann man es nicht sagen. Gerade für Menschen, die Unterstützung und Gleichgesinnte suchen, kann das Internet der rettende Anker sein. Sei es nun, um Verluste zu verkraften, mit Depressionen umzugehen oder einfach nur wie bei mir: um Freunde zu finden, die einen verstehen.

Heute gehört Whatsapp fest zu meinem Alltag, mindestens genauso fest wie es früher das Treffen auf der Parkbank war.

Statt mich zu verstellen, kann ich meine Freundschaften auf die Ferne pflegen.

Ich zumindest bin unheimlich dankbar für all die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung in sozialer Hinsicht ermöglicht hat. Und das, obwohl ich hin und wieder einsam bin, wenn niemand meiner besten Freunde mit mir anstoßen oder spontan zum Kaffee vorbei kommen kann. Dafür habe ich heute endlich die loyalen und verlässlichen Freunde, die ich mir früher immer gewünscht habe.

Habt ihr vielleicht ebenfalls Freunde über das Internet gefunden, die zu euch passen, wie der A* auf den Eimer? Lasst es mich doch in den Kommentaren wissen. 

Hat dir der Artikel gefallen?
Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Diskussion

6 Kommentare zu “Digitalisierung und Freundschaften / Bye, bye, Außenseiter-Status”
  1. Klara sagt:

    Ich habe sogar meinen heutigen Mann vor fast 15 Jahren durchs Internet gefunden :-).

    Das war noch die Zeit in der Muttern mahnend den Finger hob „Das sind alles Vergwaltiger aus dem Internet!“ und „Stell bloß kein Foto von dir ins Internet, die machen das dann auf einen nackten Körper!“ :D

    Aber tatsächlich, wenn ich so reflektiere: nicht nur meinen Mann, sondern auch meinen besten Freund und meine engsten zwei Freunde im Internet kennen gelernt. Die Offline-Freundschaften sind bei weitem nicht so verlässlich und intensiv. Interessante Beobachtung irgendwie.

    Heute: Whatsapp auf der Parkbank ;-).

    • Sarina Sarina sagt:

      Wow! Unfassbar, und das schon in den früheren Zeiten des Internets. Da wird mein Herz ganz warm. Ich wünsche euch weiterhin nur das Beste :).

  2. Ich habe über eine tolle Facebook-Communitiy super liebe Menschen kennen gelernt, die ich inzwischen auch persönlich öfters getroffen habe und die inzwischen fest zu meinem Leben dazu gehören und die auf keinen Fall mehr missen möchte. Ohne das Internet wäre das sichelrich nicht möglich gewesen und ich wäre heute in ganzes Stück einsamer.
    Ich stehe auf dem Standpunkt, dass das Internet Menschen zusammen bringt und nicht einsam macht. Man muss es nur richtig nutzen.

    • Sarina Sarina sagt:

      Da hast du etwas Schönes gesagt, so empfinde ich es nämlich auch. Was früher Vereine waren, sind heute wohl Netzcommunities :D.

  3. Yasmin sagt:

    Liebes,

    ich weis genau was Du meinst und wie es Dir ging. Ging mir genau so ;) Zwar war meine Freundeskreis in München, zu denen ich jedes Wochenende 4 Stunden gefahren bin, ausschlaggebend dafür dass es mich überhaupt noch gibt. Aber mein komplettes Soziales Umfeld habe ich nur wegen des Internets. Meinen ersten Freund habe ich übers Internet kennengelernt und durch Ihn meine heute besten Freunde. <3 <3 <3

  4. Ich habe tatsächlich auch ganz liebe Menschen im Internet kennen gelernt; einer meiner besten Freunde lebt in den USA. Im Sommer haben wir uns zum ersten Mal getroffen…Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass wir uns ohne Internet nie kennen gelernt hätten

Diskutiere mit

XHTML: Du kannst die folgenden Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>