* Dieser Beitrag wird im Rahmen der Kampagne „Nur wenn ich es will“ unterstützt.

Manchmal trifft man Menschen, die einen in wenigen Monaten um Jahre altern lassen. Nicht nur aufgrund der Erfahrungen, die man durchlebt, sondern auch weil sie all unsere Energie beanspruchen. Wir müssen uns neu kennenlernen, neu definieren, wo unsere Grenzen liegen. Die persönliche Comfortzone zu verlassen, kann ganz schön anstrengen. Meine Comfortzone löste sich damals einfach im Nichts auf. Sie war plötzlich weg und ich mit mir allein.

In meinem Kopf machte kein Gedanke mehr Sinn, ich war gefangen in einer Situation, die ich nicht mehr im Griff hatte. Eine Art Co-Abhängigkeit, ein ungesundes Miteinander, das mein Leben, meine Arbeit und mich zutiefst belastete. Ich konnte weder vor, noch zurück und musste in der Folgezeit tatsächlich über mich hinauswachsen, um überhaupt wieder handlungsfähig zu werden. Ich kann von Glück reden, noch ein letztes Quäntchen Vernunft besessen zu haben, als ich die Pille Danach damals brauchte.

Unfähig, emotionale Nähe aufzubauen, werden Menschen manchmal seltsam. Körperlichkeit wird viel intensiver gelebt. So ist sie für manche der einzige Weg, sich auch gefühlsmäßig auszudrücken. Statt einem normalen Nähe- und Distanzverhältnis, gibt es nur heiß und kalt. Man gerät schnell in einen Rausch, lebt und liebt unendlich viel intensiver. Das kostet Energie, endlos viel Energie. Er und ich, das passte einfach nicht. Und es hätte ziemlich ungut enden können. Ich wäre in meinem Leben vermutlich nie wieder froh und frei gewesen, wenn ich damals tatsächlich schwanger geworden wäre.

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Es gab mehr als nur eine Situation, in der wir mit dem Feuer spielten. Wir hatten ungeschützt Sex, wenn mein Zyklus es erlaubte. In der Zeit vor und während des Eisprungs, nutzen wir Kondome. Rückblickend betrachtet, war ich nicht ich selbst. Nie hätte ich mich sonst auf ein solches Risiko eingelassen. Mit anderen Partnern musste ich mich dreimal gegen eine Schwangerschaft absichern. Ich hatte die größten Sorgen überhaupt und wollte in keinem Fall ein Kind mit diesen Männern. Bei ihm war es mir phasenweise einfach nur egal. Und er hatte bereits ein Kind, das er kaum sah. Man kann mich dafür verurteilen und mir Fahrlässigkeit unterstellen, ich glaube jedoch, dass es vielen Frauen so geht. Offen spricht das nur kaum jemand aus. Nicht jeder von uns hält sich stets an seine eigenen Maximen. Manchmal sind wir einfach nur schwach und verliebt, haben Verlustängste oder einen Bindungswunsch – niemand ist davor gefeit.

Als das Kondom kurz vor meinem Eisprung riss, verpasste mir das eine innerliche Klatsche. Ich wollte kein Leben, wie seine alleinerziehende Kindsmutter führen. Ich wollte ihn, aber ich wollte nicht das Leben, das er bedeuten würde. Die meiste Zeit allein, weil er sich vor allem um seine Karriere kümmern würde. Die war ihm wichtiger als alles andere, das konnte keine Frau und kein Kind ändern. Das würde es in der Zukunft auch nicht tun. Es darauf ankommen zu lassen, stand in keinem Moment zur Debatte. Obwohl ich die meiste Zeit ziemlich benebelt war, wusste ich wer er war. Ich wusste, er war kein guter Mann. Ich konnte zwar die Finger nicht von ihm lassen, aber ich war noch so klar im Kopf, eine mögliche Schwangerschaft nicht einfach hinzunehmen.

Als das Kondom riss, war ich dementsprechend besorgt. Obwohl ich schon länger über das Thema Verhütung schrieb und es mir wirklich ein Herzensthema ist, andere Frauen betreffend ihren Möglichkeiten aufzuklären, war ich selbst noch nie in der Lage, auf Rat angewiesen zu sein. Ich hatte die Pille Danach noch nie gebraucht. Am nächsten Morgen oder noch in der Nacht die nächste Apotheke aufzusuchen, wäre angebracht gewesen. Weil mich die Situation jedoch aufwühlte, hatte ich Redebedarf. Ich hatte dieselben Unsicherheiten wie alle anderen Frauen vermutlich auch und das obwohl ich sehr genau weiß, wie die Pille Danach funktioniert.

Real women support each other

Anstatt sinnlos abzuwägen und noch mehr Zeit zu verlieren, rief ich erst einmal Jess an. Für diesen Artikel fragte ich sie, ob sie sich noch an unser Gespräch erinnern kann? „Natürlich erinnere mich an damals. Ich weiß noch, wie ich dich bestärkt habe, die Pille Danach so schnell wie möglich einzunehmen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Pille Danach selbst schon zwei Mal genommen und war nie mit Nebenwirkungen oder körperlichen Beschwerden konfrontiert. Es war mir wichtig, dir diese Bedenken zu nehmen.“ Tatsächlich war es so, dass mir die Hormone ein wenig Respekt einflößten. Andererseits wäre eine Schwangerschaft die absolute Katastrophe gewesen.

Ich ging also in die Apotheke und besorgte mir die Pille Danach mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, weil diese auch bis kurz vor dem Eisprung wirksam ist. Die Apothekerin wollte mich noch über verschiedene Dinge aufklären, doch wusste ich bereits, was sie mir über die Nachverhütung erzählte. Rückblickend kann ich sagen, dass ich eine sehr engagierte Apothekerin vor mir stehen hatte, die viel Wert darauf legte, mich lückenlos aufzuklären. Auch wenn ich aufgrund meiner Nervosität nicht besonders empfänglich dafür war. Jess machte eine ähnliche Erfahrung. „Ich war zweimal bei derselben Apotheke und habe mich jedes Mal gut beraten und aufgefangen gefühlt. Ich wurde im Rahmen des Gesprächs immer gefragt, ob ich die Pille Danach bereits genommen oder Erfahrungen damit gemacht habe? Obwohl ich dies beim zweiten Mal bestätigte, hat man sich dennoch die Zeit genommen, mir alle wichtigen Informationen an die Hand zu geben.“

Meine Erfahrungen mit der Pille Danach

Zuhause angekommen wartete ich nach der Einnahme darauf, dass mögliche Nebenwirkungen einsetzen. Die ersten vier Stunden vergingen und es passierte nichts. Keine Übelkeit, keine Kopfschmerzen, kein Unterleibsziehen. Meine Bedenken waren grundlos. Ich bin eine sehr empfindliche Person, reagiere auf Licht, Lärm, vertrage kein Koffein und muss mich nach Impfungen erst einmal hinlegen, weil mir sonst der Kreislauf versagt. Bei der Pille Danach ist tatsächlich gar nichts passiert. Heute würde ich keine Minute mehr verlieren und sie umgehend einnehmen. Vielleicht ist es auch ein bisschen normal, dass man sich beim ersten Mal nicht gerade abgeklärt verhält.

Ich verstehe nun besser, warum manche Frauen Unsicherheiten haben. Damals im Gespräch mit Jess war ich überrascht, dass es ihr anders ging: „Für mich war vollkommen klar, dass ich so schnell wie möglich agieren musste. Daher gab es auch keine Telefongespräche im Vorfeld. Für mich war es Verhütungspanne – anziehen – los. Ich habe auch nie über die Nebenwirkungen nachgedacht, sondern wollte in keinem Fall eine Schwangerschaft riskieren.“

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Ich bin dankbar, dass ich ohne größere Konsequenzen diese ungesunde Verbindung loslassen konnte.  Jetzt im schlimmsten Fall ein Kind von knapp einem Jahr zu haben, wäre eine Herausforderung gewesen, die mein Leben komplett durcheinander gebracht hätte. Der falsche Mann, der falsche Zeitpunkt, die falschen Umstände. Auch wenn ich Kinder mag, hätte mein Leben wohl eine Wendung genommen, die ich so nie gewollt hätte. Dieser Tragweite wird man sich oft erst dann bewusst, wenn man bestimmte Dinge schließlich mit etwas Abstand betrachtet.

Das ist auch der Grund dafür, warum ich heute mehr denn je hinter der Botschaft von #nurwennicheswill stehe. Frauen sollten sich mehr mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung auseinandersetzen, sich gegenseitig auffangen und ihre Erfahrungen teilen. So wie ich es mit diesem Artikel für die Kampagne zur Pille Danach gerne und aus voller Überzeugung tue.

Ich bin Jess im Übrigen sehr dankbar, dass sie mich damals in dieser Zeit und nicht nur in dieser Situation, sehr unterstützt hat. Sie hat mir immer dann Halt gegeben. Dafür an dieser Stelle auch noch einmal ein Danke!

* Dieser Beitrag wird von Cohn & Wolfe im Rahmen der Kampagne „Nur wenn ich es will“ unterstützt.

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Diskussion

4 Kommentare zu “Storytime: Meine Erfahrungen mit der Pille Danach”
  1. Jenni sagt:

    Liebe Mia,

    ein starker Artikel, der sehr zum Nachdenken und Reflektieren anregt – und nebenbei erzählt, wie wichtig gute Freundschaften sind.
    Danke dafür!
    Ich hatte bisher auch einmal die Notwendigkeit, die Pille Danach einzunehmen – und habe es bis heute nicht bereut, da ich deine Aussage vollkommen unterschreiben kann: Ich wäre in einem Leben gelandet, das ich nicht haben wollen würde.

    Liebe Grüße
    Jenni

  2. Regina sagt:

    Liebe Mia

    Ich mag gerade diese Kategorie auf eurem Blogzine sehr. Ich finde es so toll, dass ihr euch traut über solche Dinge zu schreiben. Wie du sagst: Es geht vielen so, es redet aber kaum jemand öffentlich darüber! Dafür von mir ein Danke für deinen Mut! Ein total wichtiges Thema!
    Und ich kann viele Punkte, die du beschreibst, sehr gut nachvollziehen!

    Hab einen guten Start ins neue Jahr und behalte es dir bei, Dinge auszusprechen!

    Liebe Grüsse,
    Regina

    • Mia Mia sagt:

      Liebe Regina,

      danke für deine Worte. Das freut mich sehr! Feedback ist wichtig. <3

      Ich wünsche dir auch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

      Mia

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